Ballast

Start: 73 - 60 , 59 , 58 , 57 , 56 , 55 , 54 , 53 , 52 , 51 , 50 , 49 , 48 , 47 , 46 , 45 , 44 , 43 , 42, 41 ,(40) , 39 , 38,37,36, 35 - 1,66 cm

Sonntag, 10. Mai 2015

Mauern

Sie fröstelte.
 In weiter Ferne hörte sie Vögel zwitschern und da war auch ein Geruch in ihrer Nase. Blumen. Obwohl sie weit und breit keine Blumen sah.
 Sie sah nach oben.  
Die Mauer ragte weit über ihr in die Höhe. Sie verdeckte die Sonne vollkommen und ihr langer Schatten fiel noch weit hinter ihr auf die Rasenfläche.
 Sie hätte einige Schritte laufen müssen, um ihm zu entkommen, doch sie tat es nicht, denn je weiter sie sich von der Mauer entfernte, desto dichter kam sie an den Wald, der bedrohlich hinter ihr stand. Die Bäume standen dicht an dicht und sie konnte das Rascheln der Blätter und das Flüstern , dass sie zu locken versuchte, in ihrem Rücken hören.
Die Mauer war sehr lang, sie hatte schon oft versucht ihr Ende zu finden, doch egal wie lange lief, sie fand es nicht. Vielmehr hatte sie das Gefühl, immer am selben Ort anzukommen, an dem sie los gelaufen war.  Wissen tat sie dies allerdings nicht, denn ringsumher sah alles gleich aus. 
Gleich und kalt und leer.  
 Genauso oft wie sie versucht hatte ans Ende der Mauer zu gelangen, hatte sie versucht die Vögel zu finden, die sie hörte und die Blumen zu sehen die sie roch. Doch sie schienen nirgends zu sein, oder unsichtbar außerhalb ihrer Sichtfeldes oder nur innerhalb ihres Kopfes.
 "Vielleicht werde ich ja verrückt", dachte sie und lächelte.   
Sie hob ein kleines Stöckchen auf und lief ein weiteres Mal die Mauer entlang. 
 Klack, Klack,Klack. 
Nach jedem ihrer Schritte ließ sie das Stöckchen auf die kalte Steinwand treffen und erzeugte den traurigen Takt einer einsamen Wanderung. 
Klack
Seit wann war sie eigentlich hier? 
Klack. 
Sie konnte sich nicht erinnern. 
Klack. 
Es musste lange her sein. 
Klack. 
Wollte sie hier fort? 
Klack. 
Sie wusste es nicht. 
Klack. 
Sie fühlte sich gefangen. Doch andererseits, war die Mauer wie ein übermächtiger Schutz.
 Klack. 
Egal, wie verzweifelt, wie wild, wie ängstlich, wie euphorisch, wie resigniert, wie leer sie war, die Mauer stand. Und sie stand mit einer solchen Selbstverständlichkeit dort, dass nichts, aber auch gar nichts sie umzustürzen vermochte. 
Klack.
Manchmal, schloss sie die Augen, und dachte daran wie ihr Leben wohl ohne diese Mauer wohl sein würde.   
Wie weit, würde sie laufen, wie weit weg von den Wald der ihr solche Angst machte, wie schnell würde sie rennen, wie schnell auf all die Dinge zu die wieso vermisste, deren Geschmack und Gefühl sie aber schon lange vergessen hatte und deren Erinnerung Von Tag zu Tag stumpfer zu werden schien. Wie hoch würde sie springen? Hoch genug um den Mond und die Sterne zu erreichen, hoch genug um die Welt von oben zu sehen. 
Je höher und je weiter ihre Gedanken flogen, desto schneller pochte ihr Herz und desto sehnsuchtsvoller hoffte sie diesem Augenblick entgegen. 
Doch meist konnte man von dort oben auf den Wald sehen. Und den Wald hören. Hören wie er ihr zu flüsterte. Und sie begann zu fallen tiefer, tiefer und immer tiefer. Schneller, schneller und schneller. Erst, wenn sie die Kälte der Mauer an ihrem Rücken spürte, an ihr halt fand, konnte sie sich beruhigen.
Das Hölzchen rutschte ihr aus der Hand. Es war nicht wie erwartet gegen Wiederstand gestoßen. Verwundert blieb sie stehen und blickte sich um.
Sie konnte ihren Augen nicht trauen. 
In der Mauer, in ihrer Mauer, klaffte ein Loch. 
Es war groß genug um den Kopf hin durch zu stecken. Wie eine Wucht trafen sie all die Geräusche und Gerüche die sie so oft nur hatte er ahnen können.
Alles was sie sah war so bunt und so lebendig dass sie den Kopf schnell wieder zurück zog und ihre Augen mit ihren Händen verdeckte.
" Hallo", sagte es da plötzlich. 
Sie riss die Hände wieder weg. Das Gesicht eines Jungen war im Spalt erschienen. Er schien ebenso verwundert wie sie, eine Gestalt auf der anderen Seite der Mauer zu erblicken. Wagemutig steckte er seinen Kopf zu ihr herüber und rümpfte missbilligend seine Nase. Ihm schien nicht zu gefallen was er sah.
"Was machst du dort drüben?! ", fragte er verwundert.
Beschämt blickte sie sich um. Verlegen strich sie über ihr Kleid. Plötzlich, im direkten Vergleich zu seiner Seite, kam ihr Ihre doch recht schäbig vor. 
"Wie kann man freiwillig an so einem Ort Leben?", fragte er weiter, während er seinen Arm durch den Spalt steckte und beobachtete, wie seine Haut sich grau zu verfärben begann. 
"Komm doch herüber!", bot sie eifrig an, " es ist wirklich nicht so schlimm hier. Ich kann dir alles zeigen!
Er schüttelte den Kopf. " Nein, nein." Lachte er. " ich gehöre nicht dorthin. Und du auch nicht. Komm zurück. Du gehörst doch ins Leben !"
Unglück erfasste sie. Einen Schritt zurücktretend, den Kopf zweifelnd in den Nacken legend fragte sie: " Wie soll ich das anstellen?"
Er schüttelte erneut den Kopf.
 " Die Frage kann ich dir nicht beantworten.  Du alleine musst es schaffen. Aber ich steh hier drüben und warte auf dich."
So sehr wünschte sie sich auf die andere Seite. 
"Ich könnte", rief sie von neuem Mut erfüllt, " Mir Flügel wachsen lassen." Sie bereitete ihre Arme aus und stellte sich vor wie sie in die Luft emporstieg und flog. Leicht wie ein Vogel, vom Wind davongetragen und sanft auf der anderen Seite landen.
Als sie den Zweifel in seinem Blick sah, fügte sie schnell ihre zweite Idee hinzu.
"Oder, ich werde ganz klein. So klein, dass ich durch den Spalt krabbeln kann. Das müsste doch zu schaffen sein…!" Und während sie noch plante, wie sie es in absehbarer Zeit auf eine solch geringe Größe schaffen könnte, spürte sie seine warme Hand sanft an ihrem Gesicht.
"Es geht nicht darum, dich zu verändern um die Mauer zu überwinden."Sagte er und strahlte dabei eine solche Liebe aus, dass sie es nicht wagte an seinen Worten zu zweifeln. " Es geht darum, dass du endlich begreifst, dass du alles was du brauchst schon in die trägst.Dass du stark genug bist, die Mauer einzureißen. Für immer den Erdboden gleich zu machen und endlich frei zu sein." 



Samstag, 9. Mai 2015

Sinn

Wenn man eine Essstörung hat, dann denkt man unweigerlich an, an irgend einem Punkt über das Thema Schuld nachzudenken. 

Ja, ihr lest richtig, ich bin immer noch da. Ich bin immer noch da, trotz allem, was passiert es.ich bin immer noch da. Immer wieder verletzt, immer wieder gefallen, immer wieder aufgefangen, und wieder hingestellt. Und ich denke immer noch. (Vermutlich werde ich damit auch nie aufhören, Auch wenn ich es mir manchmal wünsche, mein Kopf einfach ausschalten zu können, und mich ganz allein hinzugeben, was mein Körper und meine Seele sich wünscht.) aber, das ist es nicht worüber ich heute schreiben wollte. Heute sollte es um das Thema Schuld gehen.

Dieses Thema, kann ich in zwei Unterthemen spalten:

Erstens: Wer trägt die Schuld für meine Erkrankung?
Zweitens: Welche Schuld trage ich?
Wahrscheinlich, werdet ihr euch gerade gedacht haben: Niemand trägt hier irgend eine Schuld! Ihr werdet denken, was bringt es einen Schuldigen zu suchen? 
Aber,wartet erst mal ab. In dem Jahr, in dem ich an meiner Essstörung fast gestorben wäre, haben sich meine Eltern viele Vorwürfe gemacht. 
Immer wieder wurde gefragt,wie es passieren konnte, dass ich krank wurde. Irgendwer musste ja die Schuld tragen.während meiner Therapie, oder relativ schnell klar, dass äußere Umstände genauso dazu beigetragen haben, wie meine Familie.aber man kann schwer einen umstand zur Rechenschaft ziehen, das ist wenig befriedigend und war anfangs vermutlich auch zu wenig greifbar, zu einfach um die Wut und die Trauer aufzufangen. 

Wenn ich den Mathe Unterricht nicht verstehe, dann ist es für mich auch wenn ich befreiend auf mein Mathebuch einzuschlagen, ich weiß nämlich dass es keine Gefühle hat. Es hilft dagegen ungemein meinen Mathlehrer hinzuzuziehen, obwohl dies vermutlich unfair ist. Ein Gegenstand übernimmt keine Verantwortung. Ein Mensch hingegen schon.

War mein Vater schuld? Weil er so selten für mich da war?Und wir seinetwegen umziehen mussten und ich aus meinem Umfeld herausgerissen worden? 
Oder war meine Mutter schuld? Weil sie eine so dominante Persönlichkeit ist? Weil ich mich ihrer Kontrolle entziehen wollte? 
Oder waren gar beide Schuld?Weil sie immer geglaubt haben, es ging mir gut sich immer um die Probleme meiner Bruder gekümmert haben? 
Versteht es nicht falsch, ich habe mir diese Frage nicht gestellt, aber ich weiß, Dass meine Eltern sehr belastet hat. Ich habe nie jemanden die Schuld gegeben, denn ich weiß gar nicht ob man überhaupt von Schuld sprechen kann. 

Macht sich jemand, der gar nicht weiß, Das in einem Baum ein Eichhörnchen Familie wohnt, schuldig bin der diesen Baum fällt?oder, trägt er lediglich einen Teil der Verantwortung? Oder, trägt die Eichhörnchen Familie die Verantwortung, Weil wir auch woanders hätte nisten können? Weil sie vorbereitet hätte sein müssen auf ein Unglück? Keine Ahnung. 


Vielleicht hätte ich vorbereitet sein müssen auf alles was auf mich zukommt, vielleicht hätte ich die Konsequenzen abwägen müssen und vielleicht bin ich auch schuld.
ich kann nicht abschließend klären, wer nun die Hauptverantwortung trägt, ich kann lediglich alle Gründe zusammenfassen, auf einen Nenner bringen zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen. Denn letztendlich spielt es keine Rolle letztendlich bin ich nun mal das was ich bin,die Vergangenheit ist geschehen. Die Gegenwart ist wie sie ist und die Zukunft… Tja, die Liebe Zukunft.
Aber, ich glaube ich habe mich ganz anders schuldig gemacht. Und diese Schuld ist eine die mich wirklich zerfrisst.Ich bin schuld, dass meine Familie langsam zerbricht. Ich bin schuld, dass wegen meiner Krankheit niemand auf meinem mittleren Bruder geachtet hat, der jetzt ebenfalls krank ist.ich hätte stärker sein müssen. 
Ich hätte achtsam sein müssen. Ich hätte aus meiner eigenen Krankheit lernen müssen und klug genug sein u zu erkennen, dass jetzt gar nicht darauf abgesehen hatte mich zu zerstören, sondern alles. Alles was mir liebes, alles was ich berühre.  Es ist nicht, was die Krankheit mit mir macht, es ist das was ich machte als ich sie in das System ein schleppte. 
Ich bin nicht schuld krank zu sein, aber ich bin schuld daran,was die Krankheit zur Folge hat. 

Ein Aidskranken ist nicht schuld an seiner Krankheit, aber er macht sich schuldig, wenn er mit Frauen schläft,die ebenfalls krank werden oder die kranke Kinder bekommen.

 Ich weiß nicht, ob das was ich  gerade schreibe einen Sinn ergibt. Ich weiß gar nicht wie viel Sinn das Wort Sinn in meinem Leben überhaupt macht. Meine Krankheit ist im Grunde unseren geworden in dem Moment, in dem ich nicht mehr sagen konnte, weswegen ich eigentlich die Gründe die ich kenne, nicht mehr zu bekämpfen weiß.meine Krankheit ist nicht mehr dazu da Dinge zu ändern, oder zu verbessern (auf ein Problem aufmerksam zu machen) dann meine Probleme offen sind, und die Dinge verändert.
Ich bin fast dazu verleitet vom Thema Sinn meiner Krankheit direkt zum Thema Sinn meines Lebens überzuspringen. Doch das würde vermutlich den Rahmen sprengen und außerdem ziemlich unsinnig sein wenn ich nicht vorher einmal den Begriff sind für mich klar definiert und eingegrenzt hätte.vermutlich würde ich irgendwann an einem Punkt kommen an dem ich mein gesamtes Leben und das gesamte sein für Unsinn  erklären, mein iPad aus dem Fenster werfen und mich in Luft auflösen  würde. Deswegen lass ich es.
Ich will gar nicht so tun, als sei das was ich hier schreibe, die absolute Wahrheit. Im Grunde genommen, könnte sogar totaler  Schwachsinn sein. Ich bin mir wirklich nicht sicher. Eigentlich sind es nur die Gedanken einer 18-jährigen, die es  einfach weiß sich auszudrücken. Es sind Verwirrungen und Irrungen verpackt in schöne Worte zusammengefügt zu einem Text, den ihr nun lest und entweder bejahen oder verneinen könnt. Mir ist auch klar, dass das Thema Schuld weitaus komplexer ist,  als ich es hier diskutieren könnte.
 In einem kleinen System wie in einer Familie ist es leichter, einen Schuldigen zu finden, als in einem großen, wie zum Beispiel der Welt.  Oder könnt ihr mir sagen wer verantwortlich ist für all das Unglück das gerade geschieht in dieser Welt? Wer ist schuld daran dass all die Flüchtlinge sterben? Wer ist schuld am Flugzeug Unglücken wer ist Schuld an Vergewaltigung wer ist Schuld an Massensterben wer ist Schuld an Terror?  ich weiß es nicht, und ich werde es auch nicht wissen. Das weiß ich. Trotzdem versuche ich manchmal aus meinen eigenen vier Wänden hinauszugehen und ein bisschen genauer hinzuschauen, ich glaube das ist wichtig für uns alle. Ich wünsche euch einen schönen Abend, obwohl ich gar nicht weiß, ob das hier überhaupt noch jemand liest..
Ich glaube Raffi, du warst mein grösster Verlust. 

Was stört am Blog?