Ballast

Start: 73 - 60 , 59 , 58 , 57 , 56 , 55 , 54 , 53 , 52 , 51 , 50 , 49 , 48 , 47 , 46 , 45 , 44 , 43 , 42, 41 ,(40) , 39 , 38,37,36, 35 - 1,66 cm

Donnerstag, 3. Juli 2014

Eine kleine Geschichte

Mein Name ist Leni und ich hatte ein Problem.
Ich bin hässlich. Ziemlich hässlich sogar. Und dick. Niemand spricht mit mir. Meine Mama sagt, dass läge daran, dass ich so besonders bin. Dass besonders gleichbedeutend mit 'unnormal' ist, das verstehe sogar ich. Mein Bruder meint, es käme daher, dass ich doof bin.
Er hat recht. Schlau bin ich tatsächlich nicht. Aber ist das ein Grund jemanden auszugrenzen?
Ich kann gar nichts. Also nichts besonderes. Ich kann nicht singen, ich kann nicht besonders gut malen. Das Tanzen hab ich nie probiert, dafür war nie genügend Geld da. Naja, mit O-Beinen ist tanzen ohnehin nicht so leicht.
Als alle anfingen zu reiten, da konnte ich nicht mithalten. Ich habe Höhenangst.
Und Flugangst. Und Angst vor der Dunkelheit. Und vorm Zahnarzt (zu dem ich leider sehr oft muss, denn meine Zähne sind schief.) 
Was ebenfalls schief ist, ist meine Nase. Das störte mich am meistens, denn sie sehe ich sehr oft. Ich schiele nämlich ein bisschen müsst ihr wissen.
In der Schule wurde ich immer gemobbt und ausgegrenzt. Niemand wollte mich wirklich haben. Die Anderen sprachen selten mit mir, wenn, dann sprachen sie über mich. Oder sie lachten. 
Ich bin das, was man einen Loser nennt. Ein Opfer.
Irgendwann entschied ich, nicht mehr Opfer sein zu wollen. 
Und da begann mein Problem.
Ich machte mich schlau, ich recherchierte und suchte, tagelang, wochenlang und stieß letzendlich auf den Ursprung, auf die Quintessenz wahrer und vollkommener Coolness und Beliebheit.
Es nannte sich Fabercrombie und Bitch. 
Es heißt, wenn man eines, dieser besonders besonderen Kleidungsstücke am Körper trägt, gehöre man automatisch zu der Créme de la Créme, zu der Upper Class, dem inneren Zirkel.
 So ein Kleidungsstück musste ich unbedingt haben.
Doch ich stieß auf ungeahnte Schwierigkeiten, ein Paradox, dass es mir scheinbar unmöglich machte mein Ziel zu verwirklichen. 
Fabercrombie und Bitch hatte ausdrücklich gesagt, sie würden nur die wirklich coolen und beliebten Kids in ihrem Laden haben wollen.
Ich war nicht cool, und beliebt schon gar nicht. Aber ich würde es auch nie sein, wenn ich nicht in den Laden ginge in den ich nicht gehen durfte, weil ich etwas nicht war was ich sein wollte, aber nicht sein konnte, weil ich dort nicht hineingehen durfte. 
Es war zum verzweifeln.
Es vergingen Wochen, doch schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen. Ich würde mich in diese Grauzone begeben, denn, wenn ich aus dem Laden rauskäme, mit einem der Kleidungsstücke, würde ich ja schließlich cool sein.

Vor dem Eingang des Ladens wurde mir wieder mit aller Wucht meine eigene Durchschnittlichkeit klar gemacht. ich hatte mein bestes Kleid angezogen und mich mühevoll frisiert, um nicht sofort als uncool enttarnt und des Ladens verwiesen zu werden, doch als ich auf eine Mauer aus nackten durchtrainierten Oberkörpern und langen blonden Haaren stieß, war mir klar, dass es schnell gehen musste.
Ich fragte einen der schönen Verkäufer, wo ich zuden Pullovern käme, denn alles war vollgebaut mit riesigen Topfpflanzen und mein schielen erleichterte mir die Orientierung in dem schummrigen Halbdunkeln auch nicht.
Der schöne Verkäufer verstand kein Wort von dem was ich sagte. Ob es an der Ohrenbetäubenden Musik lag, oder daran, dass er kein Deutsch verstand, konnte ich nicht herausfinden, denn gerade als er mir ein herzliches "Check us out on Facebook!!!", ins Ohr schrie, sah ich am Ende des Raumes ein Regal mit Pullovern. Nun war mir alles egal. Ich stieß Massen von fremden Menschen, die sich genau wie ich durch die engen Räume schoben vorbei und grabschte mir wahllos alle Größen, die es im Angebot gab. Die Ausbeute war enttäuschend. Nicht nur, dass das schlecht verarbeitete Kleidungsstück mein Budget wirklich schröpfte, es war mir außerdem zu klein. Ich suchte verzweifelt nach meiner Größe, doch sie war unauffindbar. 
Es nützte nicht. Ich kaufte mir zwei Pullover in Größe L, um sie zu Hause gegebenenfalls zusammenzunähen und verließ den Laden schnell.
Ich war zu ungeduldig die Pullover miteinander zu verbinden, schnell schlüpfte ich am nächsten Tag in den linken Ärmel des einen und in den rechten Ärmel des anderen Pullovers, um in der Schule in meiner neu erworbenen Coolness baden zu können.
Ich kam verzweifelter als jemals zuvor nach Hause, warf die Jacken in eine Ecke meines Zimmersund legte mich ins Bett. Nichts war anders gewesen. Ich war nicht cool, nicht beliebt und hübsch schon gar nicht. Gelacht hatten sie, wie immer. Gemein waren sie gewesen, wie immer. 
Meine letzte Rettung war dahin.
Erschöpft schlief ich ein.

Ich träumte. Ich träumte von einem Ort, der ganz ähnlich aussah, wie die Welt, wie ich sie kennengelernt hatte, aber nur ähnlich. Denn als ich auf die Straße ging und all die Menschen sah, konnte ich meinen Augen nicht trauen, sie alle waren hässlich und dick und ungeschickt und hatten schiefe Zähne und schielten und...
Ich sprach einen von ihnen an.
"Gibt es hier keine schönen und coolen und beliebten Menschen?" Ich war verwirrt.
Er offensichtlich auch. Er legte den Kopf schief und sah mich an (jedenfalls vermutete ich das, denn wie ich sah er wahrscheinlich nur seine Nasenspitze)
" Was meinst du?", fragte er verwundert,"Schön? Wir sind doch alle schön! Cool? Ich bin cool, du etwa nicht? Beliebt? Also ich mag mich. Ich glaube darauf kommt es doch an."
Mit diesen Worten ging er davon.

Als ich erwachte war mir einiges klar geworden. Mir war klar geworden, dass ich genau so wie ich bin, richtig bin, dass nicht ich diejenige bin, die hässlich und unnormal ist, sondern dass es die Gesellschaft ist, die versucht mir das weißzumachen. Wer entscheidet denn, was Schönheit oder Coolness bedeutet? 
Die Gesellschaft tut das! Aber was wäre gewesen, wenn ich in einer Gesellschaft aufgewachsen wäre, in der diese Worte ganz anders definiert gewesen wären?  Wäre ich ein anderer Mensch, wenn man mir mein ganzes Leben lang gesagt hätte, meine schiefen Zähne seien schön, mein Übergewicht sei sexy, meine dummheit sei cool, mein schielen sei normal...? Ich weiß es nicht. 
Also ich weiß es teilweise, ich weiß, dass ich nicht anders aussähe, ich würde nur mich selbst anders sehen.Ich glaube meine Einstellung zu mir wäre anders, ich würde nicht versuchen mich anzupassen, würde nicht versuchen müssen einem Ideal hinterherzujagen, dass jemand anderes für mich als optimal bestimmt hat. Ich wäre glücklicher.
Mein Name ist Leni und ich hatte ein Problem.
Viele Jahre meines Lebens dachte ich, dass andere Menschen bestimmen können, ob ich cool, oder angesagt bin, aber das hat sich geändert. Ich weiß jetzt, dass ich schön bin, vielleicht nicht nach gesellschaftlicher, äußerlich orientierter definition, aber nach meiner ganz eigenen.Ich habe etwas, ganz tief in mir drin, dass mir keiner wegnehmen kann.Und darauf kommt es doch an.


___________________________________________________________________________________
BilD: http://www.vogue.co.uk/news/2013/07/25/abercrombie-and-fitch-investigated-for-discrimination-against-staff
Ich möchte hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich in keiner Weise dem bekannten Label schaden möchte, das Bild mit den gut durchtrainierten jungen Männern stammt nicht von mir, ich habe keine rechte an diesem Bild.

Kommentare:

  1. Du kannst so unglaublich toll schreiben, das ist echt Wahnsinn :)
    Wenn du ein Buch schreibst, lass es mich wissen :*

    AntwortenLöschen
  2. Die Geschichte ist total super <3 und danke für deinen lieben Kommentar!!! Ich wünsche dir auch ganz viel Kraft <3

    AntwortenLöschen
  3. Wundervoll <3 Und wenn du das auf deren neue Strategie von XXXXXXS beziehst kann ich echt nur den Kopf schütteln über deren Dummheit. Size 0 ist out, Größe 28 muss her, na klar da passt nichtmal eins meiner Beine rein ;)

    AntwortenLöschen
  4. Hi Hanna,
    Du bist innerlich wunderschön, sonst würden nicht so wunderbare Worte Deinen Geist verlassen. Sonst würden nicht so viele Leute sich auf die Worte stürzen, danach gieren, sich interessieren und sich darüber freuen.
    Wer innerlich schön ist, trägt das nach außen und das ist sichtbar. (Sieht man bei Dir auch)
    Alles liebe Dir

    AntwortenLöschen
  5. Es ist einfach so schön, dass du wieder zurück bist.
    Wie oft bin ich auf deinen Blog gegangen, in der Hoffnung, du würdest schreiben, wie es dir geht.
    Heute tat ich eben dieses wieder und habe mich so gefreut von dir zu lesen!
    Es tut mir leid, dass es dir noch oft so schlecht geht, und zu viele Jahre deiner Jugend abgeben musstest, aber ebenso kann ich dich verstehen...

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft!

    Lenchen <3

    AntwortenLöschen

Schick mir ne Postkarte. Adresse unbekannt <3

Was stört am Blog?