Ballast

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Freitag, 11. Juli 2014

Care

Ihr kennt sie alle. Diese Menschen, von denen ihr euch wünscht, ihr wäret ihnen nie begegnet. 
Sie sind überall, lauern hinter jeder Ecke und überraschen dich in allen Situationen deines Lebens.

Du triffst sie im Bus. Es ist der abgerissene Junge, der nicht aufsteht, während eine Alte Dame mit dem Gleichgewicht kämpft. 
 Der Alte Herr, aus dem Nachbarhaus, der regelmäßig die Polizei ruft, wenn die Musik zu laut ist, oder Jungs gegen sein Garagentor Fußball spielen.
Es ist der Typ, der im Cafe immer zehntausend Sonderwünsche hat, aber nie Trinkgeld gibt, oder der Lehrer, der alle Abgabefristen immer viel zu genau nimmt.
Man trifft sie am Arbeitsplatz, der unfähige Kollege, dessen Jobs du immer übernehmen musst, weil er es nicht auf die Reihe bekommt, es ist der Mensch, der mit seinem vier/fünf/sechser BMW ständig auf dem Behindertenparkplatz parkt, obwohl er offensichtlich kerngesund sind.
Es ist das Mädchen in der Bahn, dass dich die ganze Zeit böse anschaut, obwohl du noch so freundlich zu lächeln versuchst.
Es sind all diese Menschen über die du nur den Kopf schüttelst, denen du vielleicht nur ein stummes 'Arschloch' hinterherwirfst, aber ansonsten keine Gedanken verschwendest.
Aber vielleicht, ganz vielleicht, ist es wichtig genau das mal zutun.

Der Junge aus der Bahn zum Beispiel. Vielleicht lebt er sein ganzes Leben lang schon in einem kleinen Reihenhaus, mit seinen fünf Geschwistern und seinen Großeltern zusammen. Sein Vater trinkt und verprügelt die Mutter ständig. Er ist von zu Hause abgehauen, fährt die ganze Nacht schon in Bus und Bahn umher, weil er ansonsten keinen Platz hat, an dem er schlafen kann. Er bemerkt die alte Dame nicht. Er ist zu müde und zu traurig.
Dieser Junge hätte es verdient mal in den Arm genommen zu werden.

Der alte Herrwar 50 Jahre lang mit seiner Frau verheiratet, er war sehr glücklich in seinem Leben, auch wenn er immer zu kämpfen hatte. Er verdiente nicht viel, aber das was er hatte legte er zurück, um sich seinen Traum eines unbeschwerten Lebensabends mit seiner Frau zu verwirklichen. Manchmal half er am Haus der Jugend aus. Schnell bemerkten die Jugendlichen, dass das alte Ehepaar wehrlos war und Bargeld im Haus besaß. Eines Nachts brachen sie ein und beraubten die Beiden. Die alte Dame überraschte die Einbrecher, bekam einen Schlag auf den Kopf und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Dieses Erlebnis hat den alten Mann gebrochen. er hat sein Vertrauen verloren, seine Ersparnisse und seine Frau. Er sieht keinen Grund mehr freundlich zu sein, innerlich zerfressen und getrieben von Verzweiflung und Existenzangst.
Dieser Mann hätte es verdient, dass man ihm hilft wieder Vertrauen in die Menschheit zu gewinnen.

Der unfähige Kollege vom Arbeitsplatz ist zweiunddreißig. Er wird jeden Morgen von seiner Mutter geweckt. Seine Tasche steht schon am Esstisch, mit einem Marmeladenbrot und einem Brot mit Käse in der Tupperdose. Sie rückt ihm seinen Schlips zurecht und schaut ihm nach, wie er ein bisschen verloren über die Einfahrt stolpert um noch rechtzeitig seinen Bus zu bekommen. Er war schon immer der Verlierertyp gewesen, als Frühchen geboren, in der Entwicklung verzögert, war er schon immer gemobbt und in der Schule nie akzeptiert worden. Als er endlich seine Schule beendet hatte, begann er mit der Suche nach einem Arbeitsplatz, aber niemand wollte ihn haben. Es gab offensichtlich keinen Platz für ihn.
Egal wie sehr er sich bemühte, Bewerbungen schrieb und sich vorstellte. Sobald die Menschen ihn persönlich kennenlernten, ihn unsicher vor sich herstottern hörten, verloren sie ihr interesse. Ließen ihn fallen.
Als er doch endlich in einem Betrieb angenommen wurde, war er unglaublich stolz, seine Eltern luden ihn ins Restaurant ein und sie stießen an. Er bemühtsich, er ist jemand, der sich immer bemühen muss in seinem Leben. Ihm wird nichts hinterhergeworfen, das wurde es noch nie.
Dieser Mensch hat es verdient, ihn jeden Tag aufs neue zu unterstützen.

Care
Und dann ist da noch das Mädchen in der Bahn. Sie hat zu viel erlebt für ihr Alter. Sie hat eine schwere Krankheit, schon drei Klinikaufenthalte hinter sich und so gut wie alle sozialen Kontakte verloren. Seitdem sie umgezogen ist, fühlt sie sich fremd, egal wo sie ist. Sie kommt gerade von der Arbeit, wo sie den Typen getroffen hat, der nie Trinkgeld gibt und immer zehntausend Sonderwünsche hat. Sie hat den ganzen Tag gelächelt, war fröhlich. Hat stundenlang heile Welt gespielt und versucht alles Belastende zu verdrängen. Erst in der Bahn beginnt die Fassade zu bröckeln. Sie sieht den Mann, der sie so net anlächelt, aber all die Wut, die sich so lange aufgestaut hat, lässt ihre Gesichtsmuskeln verkrampfen. Sie hat keine Kraft zurückzulächeln. Es wäre ja ohnehin wieder nur gelogen.
Dieses Mädchen bin wahrscheinlich ich.

Meine Mama hat mir immer gesagt, wenn ich solche Menschen getroffen, mich über sie aufgeregt habe.
"Stell dir all diese Menschen als kleine Kinder vor. Du weißt ja garnicht, was ihnen passiert ist, vielleicht wurden sie zu Hause geschlagen, oder so."
Ich finde es ist ein schöner Gedanke,den meine Mama da hatte. Sie hat den gedanken jedem menschen eine Chance zu geben, egal wie schlecht er einem erscheint.
Hinter all diesen Momentaufnahmen, in denen wir uns Meinungen bilden , verstecken sich Schicksale, die wir nicht kennen, aber die wir kennen sollten, um wirklich ein Recht zu haben, diese Menschen zu verurteilen. 
Vielleicht denkt ihr das nächste mal, daran, wenn ihr diesen Menschen begegnet. 
Ich glaube jeder von ihenen hat es verdient, dass wir einfach weiterlächeln, auch wenn wir eigentlich den gegenteiligen Impuls haben. Vielleicht klappt es nicht immer, aber wenn zu einem unter hundert die Nachricht durchdringt, das Lächeln durchdringt, war es das doch wert.

Ich verabschiede mich für die nächsten drei Wochen. Ich verreise.
Ich hasse es Koffer zu packen. Ich bin nicht der Mensch, der sich gerne entscheidet, also habe ich mich dieses Mal dafür entschieden mich nicht zu entscheiden und habe einfach alles greifbare mitgenommen (und die Hälfte trotz allem wahrscheinlich vergessen.)
Ich hoffe ihr genießt die Sonne, ihr genießt die Zeit und ihr macht etwas drauß (ja, ich kennen den unterschied zwischen Leben und Leben, also dem leben, von dem man in drei Jahren sagt, man hätte es verschwendet und dem Leben, von dem man noch in Jahren erzählt.)
Ich werde nun mal ein bisschen Leben, denn wisst ihr wohin die Reise führt?
Nach Chartres.

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Edit, alle Rechte an den Bildern, die ich hochlade liegen bei mir(everything real made by hanna), ich wäre sehr glücklich, wenn sie nicht für irgendwelche dubiosen Seite missbraucht würden :))


Kommentare:

  1. Du hast so recht mit dem was du schreibst. Ich habe es mehrmals durchgelesen und deine Worte und ihre Wahrheit bewundert. Besser kann man es nicht ausdrücken!

    Ich wünsche dir ganz viel Spaß in deinem Urlaub! Genieße die Zeit! Und das mit dem Koffer packen kenne ich zu gut :D Grad wenn man sich Mühe gibt und nach Plan packt, fehlt immer irgendwas. Vielleicht sollte ich beim nächsten mal auch alles einfach ohne Plan greifen und reinschmeißen :D

    Mena ♥

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  2. Bist du das denn auf dem Bild?
    Ich wünsche dir viel Spaß auf deiner Reise. Du hast recht mit dem, was du schreibst. Allerdings macht man sich leider immer viel zu schnell ein schlechtes bild von jemanden.

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    1. Übrigens, ich verreise nächsten Sonntag auch für eine Woche und ich hab beim packen immer das Problem, dass ich nicht weiß, was ich mitnehmen soll und dass ich Angst habe etwas zu vergessen :D

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  3. Einfach nur DANKE für jeden deiner Buchstaben, Hanna

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  4. Wir fahren doch wieder nach Frankreich dieses Jahr...nach Saint-Gilles-Croix-de-Vie. ich freue mich total. Und ich hoffe Du genießt die Zeit dort in Chartres... vielleicht erlebst du wieder einen (fast) sorgenfreien Sommer, so wie vor 3 Jahren. Ich wünsche es mir für Dich.

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  5. Wunderschön. Ich stimme dir voll zu :)

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  6. Ich danke danke danke dir für deine Worte ☻♥

    Besser spät als nie ...

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  7. Hey :)
    Ich lese deinen Blog unheimlich gerne!
    Ich wollte dich fragen, ob du auf der rechten Seite, in der Leiste, das Bild von dir kleiner machen kannst? Vielleicht liegt es auch an meinem Browser (Chrome), aber das Bild unter der Abstimmung (ich glaube von dir) ist so riesig, dass es leider dein ganzes Blogger-Design auseinander wirft und ich gar nicht lesen kann, was da sonst noch steht und das würde ich unheimlich gerne!
    Liebe Grüße!

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  8. Traurig, wenn man jemandem erst mal eine schlimme Geschichte andichten muss ... Als würde das den Wert eines Menschen heben, als würde man es mit tragischer Kindheit oder ähnlichem mehr verdienen, gut behandelt zu werden.
    Wer so denkt und Menschen nicht um des Mensch seins Willen sondern aufgrund eines schlechten Gewissens gut behandelt, tut mir ebenso Leid wie die, die Menschen schlecht behandeln.

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    1. Weißt du lieber anonymer Leser, ich finde es schade, dass du meine Gedanken auf so negative Weise auslegst, denn genau so, war es nicht gemeint. Ich meine nicht, dass man eine schlimme vergangenheit haben muss um gut behandelt zu werden, aber wenn du selbst nicht gut behandelt wirst und dich über jemanden ärgerst, dann hilft es manchmal hinter die fassade zu blicken und das verhalten eines einzelnen nicht auf den Moment herunterzubrechen, sondern sich zu fragen, was könnte diesem Menschen wohl passiert sein, das er so ist, wie er nunmal ist.
      Ich könnte auch sagen, der alte Mann, der sofort immer die Polizei ruft ist ein kleinlicher, vergrätzter Arsch. Das kann auch sein. Aber so leicht will ich es mir nicht machen.

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    2. Ich glaube, dass du die Message etwas anders aufgenommen hast, als es beabsichtigt war. Oder zumindest anders, als ich sie aufgenommen habe. Es geht hier ja nicht darum Menschen eine tragische Geschichte anzudichten und ihn deswegen besser als alle anderen zu behandeln. Das kann doch gar nicht der Sinn sein. Ich verstehe auch gar nicht, wie man einen so guten Text so übel missverstehen kann. Waah. Und wenn es so wäre, Himmel, warum tut dir diese Person gleich Leid. Immer diese Dramatik und Theatralik. xD
      Nein ganz im ernst, ich hab den Text ein bisschen anders aufgenommen. Es geht gar nicht um diese Personen, auch wenn dort natürlich die potenziellen Geschichten verschiedener Personen beschrieben werden. Es geht um UNS. Einzelnen. Wenn wir in der Bahn sitzen und mal wieder im Kreis kotzen könnten, weil der Typ vor uns einen die ganze Zeit so anguckt, als hätte man Scheiße im Gesicht und dann steht der noch nicht mal auf wenn eine ältere Dame einsteigt.
      Muss man den Menschen gleich dafür Hassen? Wir maßen uns wirklich an, uns eine Meinung über einen MENSCHEN zu bilden, mit dem wir gerade mal zwei Minuten in einer Bahn sitzen? Wobei wir ihn in der ersten Minute noch nichtmal bemerkt haben und uns innerhalb der ganzen Zweiten Minute einfach so dazu entschließen ihn zu verachten, nur Anhand eines einzigen Momentes? Du hast 2 Minuten vom Leben des Typens gesehen, dabei hat er 20 Jahre hinter sich. Das ist doch total absurd?! Wenn man sich das mal überlegt.
      Es geht nicht darum mit jemandem Mitleid zu haben, sondern seinen Horizont zu erweitern und nicht ganz so engstirnig und festgefahren wie der größte Teil der Gesellschaft zu sein. Und ein Mensch, der jedem Menschen eine Chance gibt, der sollte einem nicht Leid tun, sondern vor so einem sollte man Respekt haben. Ich kenne fast niemanden, der wirklich so ein aufrichtiger, weltoffener und toleranter Mensch ist. Sowas kenne ich eigentlich, leider, nur aus Büchern. Außerdem geht es auch nicht darum einen Mörder nett darzustellen. Es geht ja auch irgendwo um Vorurteile, Voreingenommenheit und davon sollte man sich einfach mal ein bisschen befreien.

      Sorry. Ich fand den Text so toll und habe gerade das Kommentar hier gelesen, da musste ich mal was zu sagen.

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    3. Ich finde es unangepasst, über das Leben eines fremden Menschen zu spekulieren, egal in welcher Weise. Warum soll man sich denn vorstellen, dass fremde Leute als Kind geschlagen wurden? Das finde ich einen sehr fragwürdigen Ratschlag.

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  9. Du hast recht. Am besten gehe ich in Zukunft an den Menschen vorbei, ohne mir über sie Gedanken zu machen. Wenn ich gerade jemanden zum kotzen finde, dann versuche ich nicht darüber nachzudenken, warum er gerade so handelt, sondern ich werde ihn nur nach der gegenwärtigen Situation behandeln. Ich werde mr nicht mehr wünschen, dass jemand mich grundlos anlächelt, Seilbahn ch das ab Etat auch nicht tun werde, denn warum sollte ich mich eine Sekunde länger als notwendig mit jemandem befassen, mit seinem Schicksal, seiner Vergangenheit. Ab jetzt sind alle Menschen für mich leere Blätter. Herzlichen Glückwunsch zu deiner Fähigkeit Worte zu verdrehen. Es geht nicht darum, jemandem eine schlimme Geschichte anzudichten, sondern Menschen nicht zu verurteilen, ohne sie zu kennen. Ich kenne dich auch nicht, aber weisst du was? Es muss einen Grund geben, weswegen dich dieses Thema so sehr beschäftigt, dass du sogar einen Kommentar hinterlässt und ich hoffe irgendwer gibt sich irgendwann mal die mühe sich mal damit zu befassen.

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