Ballast

Start: 73 - 60 , 59 , 58 , 57 , 56 , 55 , 54 , 53 , 52 , 51 , 50 , 49 , 48 , 47 , 46 , 45 , 44 , 43 , 42, 41 ,(40) , 39 , 38,37,36, 35 - 1,66 cm

Dienstag, 24. Juni 2014

Mein letzter Sommer

Ich hab lange hin und her überlegt, wie ich diesen Post beginnen soll. Aber es ist mir weder etwas originelles, noch geistreiches, noch witziges eingefallen.
Also beginne ich ganz profan. Wie geht es euch? Ich hoffe es geht euch allen gut! Wenn ihr mir genauer Auskunft geben wollt, dann hinterlasst mir doch einen Kommentar! (Womit mir eine perfekte Überleitung zu dem Punkt gelungen ist, mit dem ich eigentlich beginnen wollte :D)
Eure Kommentare!
In den letzten Tagen habe ich viele schöne Dinge gelesen, in meiner ganzen Zeit in der ich bisher gebloggt habe, habe ich glaube ich keine so schönen und durchdachten, langen und ehrlichen Kommentare gelesen, wie die unter meinem letzten Post. Und dafür will ich wirklich Danke sagen. Danke, danke, danke, danke.
Vorallem habe ich aber auch bedauern herausgehört, darüber, dass ich immernoch krank bin, dass meine Posts immernoch so traurig seien...
Ja, da habt ihr Recht, leider zieht es mich vorallem wieder auf meinen Blog, wenn ich meinen depressiven Gedanken nachhänge und ich das Schreiben als Ventil brauche, aber um doch nochmal einen Sonnenstrahl auf diesen Blog zu werfen, poste ich heute. Jetzt. In diesem Moment. In dem ich weder traurig, noch besorgt, noch schwermütig bin.

Zu Anfang eine Aufgabe. Nehmt euch gleich zwei Minuten Zeit und begebt euch an einen Ort. Ihr kennt ihn alle, euren inneren, sicheren Ort. Es ist ein Ort, der Geborgenheit und Ruhe verspricht, eine Erinnerung, vielleicht an die Zeit als ihr ganz klein wart und eure Oma euch immer Pfannkuchen gemacht hat, oder das Baumhaus, das ihr damals mit eurem Bruder gebaut habt. Der Familienausflug an die Ostsee, oder einfach nur eure eigene, ganz persönliche Schaukel im Garten, an dem alten Apfelbaum. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder so einen ganz persönlichen Ort besitzt, mit dem er all die schönen Erinnerungen verknüpft, fernab von allen Sorgen, die sich im Laufe seines Lebens so in ihm angestaut haben und die ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Nehmt euch nur zwei Minuten Zeit und begebt euch an genau diesen Ort.

Ich habe zwei sichere Orte. Der eine ist so sicher, dass er immer meiner bleiben wird, ich hab ihn ganz fest in mir drin und werde ihn mit keinem teilen. Aber der zweite ist fast genauso wichtig. Dahin nehme ich euch jetzt mit. In Hannas letzten Sommer.

Solang ich mich erinnern kann, bin ich mit meiner Familie in den großen Sommerferien in Frankreich gewesen. Drei Wochen. Drei Wochen Freibad, Hitze und Familie. Wunderschön. Aber ein Sommer ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der Sommer 2011. Der letzte Sommer bevor der Horror mit der Essstörung begann. Wahrscheinlich ist es genau dieser Sommer, der mir als so perfekt und wunderschön, so farbenfroh in Erinnerung geblieben ist, weil danach alles so grau geworden ist. Mein letzter Sommer.
Courville ist beinahe nur ein Fleck in der Landschaft, so klein ist es. Ein kleines Dörfchen fernab von der Zivilisation, mit kleinen Läden und einem Markt, der einmal in der Woche ist. Die nächstgrößere Stadt ist Chartres, mit seiner beeindruckenden Kathedrale
Und ganz in der Nähe hatten wir unser Ferienhaus, rundherum nichts als Weizenfelder, rundherum nichts als Frieden.
Was mir ebenfalls auffällt, wenn ich durch meinen Blog sehe ist, dass ich nichts, oder nicht viel von der Hanna preisgebe, die ich damals war, aber in Chartres war ich lebendig. Ich fotografiere sehr gerne, ich zeichne und ich dichte. Viele von euch schrieben, wenn ich einmal ein Buch veröffentlichen sollte, dann würdet ihr es kaufen. Tatsächlich ist mein größter Wunsch irgendwann einmal freie Autorin und Buchillustratorin zu werden. In Chartres tat ich das alles. 


Ich erinnere mich an so vieles. An den Abend, an dem ich mit meinem Vater Vokabeln gelernt habe, an die Stunden, die ich mit meinem Bruder Tischtennis in der Garage spielte. An seinen Geburtstag, an dem ich eine riesige Portion Nudeln mit Käse-Sahne Soße gegessen hab und an das Gefühl einfach glücklich zu sein. 
An die verwinkelten Gassen in Chartres, an den alten Süßigkeiten Laden, in dem ich mir einen Zuckerlolli kaufte und ihn sofort aß. An das Französische Nougat, das es nirgendwo in Deutschland gibt. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meiner Mutter in einem Bekleidungsgeschäft war und wir verzweifelt versuchten uns zu verständigen. Ich erinnere mich an all die Ausflüge in verschiedene Schlösser, Burgen, Wälder und Städte. Nach Paris zum Beispiel, wo ein Kellner mit mir flirtete, als ich ihn nach einer Auskunft fragte. An das Picknick, das wir schon immer dabei hatten, mit frischem Baguette, Käse, Weintrauben und Crackern. 
Niemals in dieser Zeit hatte ich das Gefühl, dass diese Stunden voller Genuss und Nichtstun verschwendet waren. Hätte ich gewusst, dass die nächsten Jahre so viel schwieriger sein sollten, dass jeder Moment, der nicht zielgerichtet und bestimmt ablief ein schlechter Moment war, hätte ich diesen Sommer wahrscheinlich noch viel fester gehalten.
Während ich das alles schreibe habe ich einen Kloß im Hals. Es macht mich traurig, all das zu schreiben, zu realisieren, wie unbeschwert und leicht alles war. Ich würde es so gerne wiederhaben. Ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen.Zurück zu meinem letzten Sommer.

 Die Sommer danach waren schwierig. Den nächsten verbrachte ich zu Hause, in dieser Zeit enstand mein Blog. Den Kopf voll mit Krankheitsgewusel. Auf der Suche nach der Kalorienärmsten Slatsorte und völlig gefangen in dem Käfig meines Kopfes.Und den Sommer darauf war ich in meiner zweiten Klinik. Niemals habe ich mich wieder so lebendig gefühlt, wie in Chartres.
Wenn ein Mensch, der sein ganzes leben lang sehen konnte, plötzlich sein Augenlicht verliert, muss er sich so ähnlich fühlen, wie ich es tue. Es kommt dir so selbstverständlich vor, du denkst gar nicht darüber nach, wenn du etwas siehst. Du siehst einen Baum, du siehst ein Straße du siehst einen Bach und plötzlich siehst du nichts mehr. Alles ist schwarz und du bist blind. Jetzt hast du noch deine Erinnerungen. All die Bilder in deinem Kopf, die plötzlich so besonders werden. Dieser wunderschöne Baum, mit all seinen leuchtenden Blättern, wo keines dem anderen gleicht.  Diese Straße, die sich endlos in die ferne zu winden scheint...Und der bach. Oh ja, dieser Bach, der langsam und ruhig vor sich hinplätschert, in dem du kleine Tiere und kräuselungen auf der Wasseroberfläche entdecken kannst, der so lebendig ist.
Die Essstörung macht einen blind, glaube ich. Blind für alles Schöne. Blind für das Leben und blind für alle Chancen. Ich wünsche mir für jeden von euch, der das hier liest, der vielleicht einen pro Ana Blog besitzt, auf dem er akribisch seine Kalorien zusammenzählt, seine neueste Diät anpreist, oder ankündigt nun doch endlich mit dem Ana Boot Camp zu beginnen, dass er die Augen aufmacht.
Mach die Augen auf! Lass das hier nicht dein letzter Sommer sein, sondern genieße ihn, als sei es dein erster.
Und so wünsche ich abschließend jedem von euch, dass er morgen aufwacht und versucht die Welt einmal so zu sehen, als würdest du nicht schon alles kennen, als sei nicht alles schon ein bisschen grau und abgestumpft, durch all das Leid, durch die Probleme und den Stress, den du schon erleben musstest. 
Sieh die Welt noch einmal wie ein blinder, der zum ersten mal sieht.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Head Explosion

Er beugt sich über seine Patientin, sein grüner Mundschutz kommt näher, das Skalpell ebenfalls. Bedrohlich.
Sie sieht nicht wie sich seine Lippen bewegen, aber sie hört seine Worte.
"Und sind Sie bereit ihren Tumor ein für alle Mal loszuwerden? Endlich den krebs zu besiegen und leben zu können?"
Nur langsam dringt die Bedeutung seiner Worte in ihr Inneres, doch als sie dort ankommen und sich zu der Wahrheit verhärten, rollt sie sich vom OP Tisch und schüttelt den Kopf. 
"Nein, danke", sagt sie, während sie sich zur Tür bewegt. "Ich habe es mir anders überlegt."
Er zieht sich erstaunt den Mundschutz vom Gesicht. Er ist verwirrt.
"Aber ich verstehe nicht...So lange haben wir auf diesen Moment hingearbeitet, so viele Jahre haben sie sich gequält, haben gegen die Krankheit gekämpft, sind an ihr verzweifelt und haben sie verflucht, haben sich nichts sehnlicher gewünscht, als sie los zu werden! Und nun soll es soweit sein, dort wo der Tumor saß wird bald...."
"Leere sein", vervollständigt sie seinen Satz. "Sie haben recht. Ich HABE gekämpft, gelitten, wäre fast gestorben. Aber was wird dort sein, wenn Sie das Ding entfernen? Nichts wird da sein. Ein Loch wird bleiben, das nicht so einfach zu stopfen sein wird. Damals, als der Tumor noch so klein war, hätte ich vielleicht die Kraft gehabt das Loch zu stopfen, das er erzeugt hat. Aber es ist so lange her und ich kann mich nicht erinnern, was dort einmal war."
"Dort war so vieles", sagt er "Gedanken, Gefühle, Ziele, Träume, Wünsche und..."
"Einsamkeit war da. Unzufriedenheit. Angst. Zu viele Gefühle.So sehr ich all das vermisst habe in den letzten Jahren, so sehr wird mir mein Tumor im Kopf fehlen. Wie oft habe ich alleine im Bett gelegen, habe geweint und mir gewünscht, das jemand kommt um mir zu helfen. Aber niemand kam. Niemand hat mich verstanden. Klar, viele haben es versucht, aber niemand ht mich berührt. So berührt, wie mein Tumor es konnte. Ein Druck. Unangenehm oftmals, schmerzend und ziehend, aber real. Durch ihn hatte ich so oftdas Gefühl am Leben zu sein. Nicht allein zu sein, etwas zu haben, mit dem ich morgens aufstehen kann. Manchmal habe ich nicht das Gefühl, als hätte der Tumor etwas aus meinem Kopf verdrängt, er hat nur eine Leere gefüllt, die immer da war. Wenn ich nun wieder ohne ihn Leben müsste wäre ich schutzlos der Welt da draußen ausgeliefert."
Er kratzt sich am Kopf. Versteht es nicht. Sie hätte es wissen müssen, niemand könnte es je verstehen.
"Stellen Sie sich vor", sagt sie und malt eine Szene in die Luft, "Ich laufe eine Straße entlang und jemand schießt auf mich, aber er wird nicht meinen Kopf treffen, sondern nur den Tumor, der mich schützt. Wie könnte ich all das Leid ertragen, wenn ich ihn nicht hätte? Ich glaube ich würde zerbrechen. "
Er versteht immer noch nicht.
Er zögert."Aber sie wissen schon, dass ihre Lebenswahrscheinlichkeit drastisch sinkt, wenn sie sich entscheiden damit weiterzuleben...?"
Sie zuckt mit den Schultern, während sie sich ihre Jacke anzieht. "Ja", sagt sie," aber ich habe keine Kraft mehr das Loch zu füllen. Der Tumor gehört jetzt zu mir. Ich kann mit ihm Leben und werde wahrscheinlich mit ihm sterben. Weiter kann ich nicht denken."





"Hanna?", ihre Therapeutin sieht sie fragend an.
"Hmm?", Hanna hat nicht zugehört." Könnten Sie die Frage bitte nocheinmal wiederholen?"
"Ich fragte ob du bereit bist, die Krankheit ein für alle mal loszulassen!"

Manchmal, oder besser gesagt sehr oft, habe ich das Gefühl ich sei durch meine Krankheit ein schlechterer Mensch geworden. Das heißt, ich bin mir sicher! Ich weiß, dass ich nicht mehr die gleiche, liebenswerte Person bin, die ich einmal war und es tut mir weh damit zu leben. 
Es fällt mir schwer, meine Mutter in den Arm zu nehmen, weil ich mich für mich selbst schäme.Es fällt mir schwer mit meinem Vater zu reden, weil ich nicht das Gefühlt habe ebenbürtig zu sein. Ich kann nichts mit meinen Brüdern unternehmen, weil ich weiß, dass nur Leere ist, die ich geben kann, im Austausch gegen ein paar Stunden.
Ich habe das Gefühl, dass nicht ich es bin, die geliebt wird, sondern dass es nur der schwache Abklatsch der Hanna ist, die ich einmal war, den sie alle verzweifelt versuchen nicht loszulassen, den sie halten wollen, weil sie ihn vermissen und weil sie wissen, dass er entgleiten wird, wenn sie sich einmal umdrehen und wegsehen.
Aber ich brauche diese Liebe, diese Zuwendung, diese Bestätigung, damit ich meine eigenen Gefühle wegdrücken kann, damit ich tausendmal hören kann, dass ich doch liebenswert bin. Ich brauche hundertmal die selbe Lüge um mich selbst zu betäuben. Aber ich bin so verletzlich. Es reicht nur ein böser Satz, ein herablassender Kommentar, ein Gefühl, das mich völlig aus der Bahn wirft und mir ein ums andere Mal aufzeigt wie grau ich doch bin.
Am liebsten würde ich verschwinden. Nicht sterben, das versteht ihr falsch. Ich würde gerne verpuffen und die Last von all denen nehmen, die ich so sehr liebe und die mich einfach nicht verstehen. 
Sie werden nie verstehen, warum ich bin, wer ich bin, warum ich tue was ich tue und warum ich nicht lasse, was ich so sehr brauche, warum ich brauche was ich tue und warum alles was ich tue nicht gut genug ist.
Ich habe das Gefühl immer falsch zu liegen, mit allem was ich tue für das Unglück meiner Familie verantwortlich zu sein. So ist das, wenn man die Rolle eines schlechten Menschen ausfüllt. Ich weiß, es ist anstrengend. Aber irgendwer muss es ja machen.


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